Regionalbericht Norddeutschland 2010 - Aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen in den Regionen von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und den angrenzenden Hansestädten sowie in den 16 Bundesländern

Regionalbericht

Jung Hans-Ulrich

2010

Den Regionalbericht senden wir auf Wunsch gerne kostenfrei zu.

Inhaltsverzeichnis

Regionalbericht (ohne Karten)




Stärkung von Innovationen und Qualifikationen in Norddeutschland als Herausforderung der Wissensgesellschaft - Aufholen zum Süden nur durch Intensivierung der norddeutschen Zusammenarbeit

Aussagekräftige regionalwirtschaftliche Indikatoren sind eine wichtige Entscheidungsbasis für die regionale Entwicklungspolitik. Das NIW legt mit dem vorliegenden Regionalbericht 2010 erneut eine Positionsbestimmung für die norddeutschen Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen sowie Hamburg und Bremen unter den 16 Bundesländern vor und informiert über die Strukturen und aktuellen Entwicklungen von Bevölkerung, Wirtschaft und Arbeitsmarkt innerhalb Norddeutschlands. Vor dem Hintergrund ständig neuer ?Rankings" von Regionen mit zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen soll der Regionalbericht Norddeutschland mit seinem ausführlichen Datenteil den Nutzer in die Lage versetzen, sich über die regionalen Entwicklungen ein eigenes Urteil zu bilden.

Das günstige Abschneiden der norddeutschen Regionen in der gerade überwundenen Wirtschaftskrise und die stärkere Betroffenheit der Wirtschaftsräume im Süden des Bundesgebietes dürfen nicht den Blick dafür verstellen, dass die Regionalpolitik im Norden weiterhin vor großen Herausforderungen steht:

  • Die Wirtschaftskraft und die Arbeitsproduktivität sind in den norddeutschen Ländern insgesamt niedriger als im Süden.
  • In der Wirtschaftsstruktur des Nordens hat der industrielle Sektor trotz der Bedeutung z.B. von Automobilwirtschaft und Luftfahrzeugbau oder Ernährungsgewerbe ein insgesamt geringeres Gewicht und vor allem die wissensintensiven Produzierenden Bereichen und Dienstleistungen sind unterrepräsentiert.
  • Die norddeutsche Wirtschaft weist im Vergleich zum Süden einen Rückstand bei der Beschäftigung von hochqualifizierten Kräften sowie besonders von Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und sonstigen technischen Berufen auf.
  • Trotz renommierter Hochschulen liegen insgesamt die Zahlen der Studierenden und der Studienanfänger bezogen auf die Gesamtbevölkerung um ein Zehntel unter dem Bundesdurchschnitt.
  • Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor beträchtlich höher als im Süden Deutschlands, und die Erwerbsbeteiligung sowohl der Männer als auch der Frauen ist im Norden deutlich niedriger.
  • Tendenziell niedrigere Arbeitnehmerentgelte und eine geringere Erwerbsbeteiligung führen insgesamt trotz der ausgleichenden Wirkungen von Transfers zu einem Rückstand im verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte gegenüber den süddeutschen Ländern.
  • Auch die sozialen Probleme sind entsprechend größer: Der Anteil der hilfebedürftigen Bevölkerung (unter 65 Jahren) ist entsprechend im Norden mehr als doppelt so hoch wie in den süddeutschen Ländern.
  • In der gegenüber den süddeutschen Ländern um fast ein Fünftel zurückbleibenden Steuereinnahmekraft der kommunalen Gebietskörperschaften spiegeln sich die geringere Ertragskraft der Unternehmen und auch das niedrigere Einkommensniveau der Haushalte norddeutschen Länder.

Ein besonderes Problem in Norddeutschland ist das ausgeprägte regionale Gefälle: nirgendwo in Deutschland ist der Gegensatz zwischen stark wachsenden und entwicklungsschwachen Regionen so groß:

  • Der Verdichtungsraum Hamburg zählt zusammen mit München und Berlin zu den ausgesprochen dynamischen Regionen in Deutschland. Auf der anderen Seite stehen entwicklungsschwächere großstädtische Räume wie Hannover, Braunschweig, Hildesheim und Göttingen, die bundesweit allenfalls im hinteren Mittelfeld liegen.
  • Unter den ländlichen Räumen nehmen die westniedersächsischen Räume wie Vechta, Cloppenburg und Emsland eine Spitzenposition ein. Die südniedersächsischen Regionen im Harz und im Weserbergland zählen demgegenüber zu den entwicklungsschwächsten Räumen zumindest in Westdeutschland. Die besondere Problematik für die Entwicklungspolitik liegt darin, dass wirtschaftliche Entwicklungsschwäche und demographische Schwäche eng miteinander verwoben sind: Das Fehlen von Beschäftigungsmöglichkeiten führt zur Abwanderung vor allem von jüngeren Menschen. Längerfristige Abwanderungstendenzen überformen den Altersaufbau der Regionen so stark, dass die jungen Haushalte und damit die Kinderzahlen stark abnehmen und der Anteil älterer Menschen überproportional steigt. Eine Überwindung dieses Teufelskreises ist nur durch die Schaffung attraktiver Beschäftigungsmöglichkeiten und damit durch effiziente Wirtschaftsförderung möglich.

Um gegenüber den entwicklungsstarken süddeutschen Ländern im innovations- und wissensorientierten Strukturwandel aufzuholen müssen die norddeutschen Länder zukünftig in allen wichtigen Politikfeldern noch enger zusammenarbeiten. Neben einer noch besser abgestimmten Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik (Innovations- und Qualifizierungsförderung) muss sich die Bildungspolitik u.a. noch stärker auf die Entwicklung und Ausschöpfung aller Qualifikationspotenziale konzentrieren, z.B. durch die Förderung der lern- und leistungsschwachen Bevölkerungsgruppen sowie die Stärkung der weiterführenden allgemeinen Schulbildung. Um die Grundlagen für ein besseres Innovationsklima in einer wissensorientierten Gesellschaft zu legen sollte die Wissenschaftspolitik den ?Forschungsstandort Norddeutschland" noch konsequenter ausbauen und Wissenschaft und Unternehmen besser vernetzen. Vielfältige gemeinsame Interessen gibt es im norddeutschen Raum auch in der Infrastrukturentwicklung (Küstenautobahn und Schienennetze, Jade-Weser-Port und Hafenkooperationen, engere Zusammenarbeit der Flughäfen).

Ansatzpunkte für die Umsetzung von Projekten bieten die vielfältigen wirtschaftlichen Entwicklungspotenziale des norddeutschen Raumes. Die heutigen Kompetenzbereiche müssen als Wertschöpfungsketten im Zusammenspiel mit Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen weiterentwickelt werden. Dazu zählen in Norddeutschland insbesondere

  • die Mobilitätswirtschaft (u.a. mit dem Straßen- und Luftfahrzeugbau und damit verbundenen Dienstleistungen),
  • die ernährungswirtschaftlichen Kompetenzen und die Chancen von LifeScience,
  • die Stärken und Potenziale der maritimen Wirtschaft (Seefahrt, Logistik-, Offshore-Aktivitäten) sowie
  • die Tourismuskompetenzen und die Gesundheitswirtschaft.

Nicht zuletzt gilt es aber, die Wettbewerbsfähigkeit der in weiten Bereichen von Norddeutschland dominierenden mittelständischen Wirtschaftsstrukturen auf ihrem Weg in die Wissensgesellschaft zu stärken. Die Modernisierung der Wirtschaftsstrukturen und die Förderung von Innovationen und Qualifikationen sollte noch stärker als bisher im Vordergrund stehen. Dabei geht es um Schwerpunktthemen wie die Sicherung der betrieblichen Ausbildung, die Reaktion auf den Fachkräftemangel und den sich verschärfenden Wettbewerb um hochqualifizierte Arbeitskräfte, die notwendige Intensivierung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie die stärkere Ausrichtung auf Kooperationen zwischen Unternehmen und Wissenschaft.

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