Turbo-Abitur: Leistungen in Mathematik schlechter, geringere Einschreibungsquote von Frauen, keine Unterschiede in der Persönlichkeitsentwicklung

28.11.2012

Pressemitteilung Nr. 5/2012

Eine gestern durch den Hamburger Bildungssenator veröffentlichte Studie zeigt positive Auswirkungen der G8-Reform auf die Leistungen im Abitur. Untersuchungen des NIW kommen zu anderen Ergebnissen. Für die Reform in Sachsen-Anhalt zeigen sich negative Effekte auf die Mathematikleistungen im Abitur sowie auf die Aufnahme eines Studiums. Unterschiede in der Persönlichkeitsentwicklung aufgrund der Reform sind aber nicht feststellbar.

In einem laufenden Forschungsprojekt untersuchen Wissenschaftler des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung Hannover (NIW) die kausalen Wirkungen der Gymnasialschulzeitverkürzung (G8) am Beispiel der Reform in Sachsen-Anhalt. 2007 hat dort ein Doppelabiturjahrgang zentrale Abiturprüfungen abgelegt. Für die Untersuchung wurde eine Stichprobe von Schülerinnen und Schülern bisher zweimal befragt. Die besondere Situation des Doppelabiturjahrgangs ist für die Ermittlung der Effekte, die allein auf die Reform zurückzuführen sind, von großer Bedeutung. Grund hierfür sind die sonst gleichen Rahmenbedingungen, beispielsweise das gleiche Oberstufensystem in beiden Jahrgängen sowie zentrale, zeitgleiche und identische Abiturprüfungen. Darüber hinaus haben die Forscher des NIW den Einfluss weiterer Faktoren, z.B. der Schulen oder der Elternhäuser, heraus gerechnet. Nur auf diese Weise ist eine Interpretation der Unterschiede zwischen den Jahrgängen als Wirkung der Reform möglich. Die wissenschaftliche Qualität und Unabhängigkeit der Untersuchungen des NIW kommt in der Förderung der Arbeiten durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Ausdruck.

Die Ergebnisse der bereits durchgeführten Analysen zeigen, dass sich die Abiturleistungen der Schülerinnen und Schüler in Mathematik durch die Reform verschlechtert haben. Insbesondere für die Männer ist der negative Effekt mit einer Verschlechterung um knapp 11 Prozent recht deutlich. Die Frauen haben sich durch G8 um etwa 8 Prozent verschlechtert. Im Gegensatz dazu zeigen sich im Fach Deutsch keine messbaren Unterschiede.

Auch auf den Studienbeginn bleibt die Reform nicht ohne Wirkung. Die Einschreibungsquote von Abiturientinnen mit G8 ist im ersten Jahr nach dem Schulabschluss um etwa 10 Prozentpunkte geringer als die der G9-Abiturientinnen. Auch im zweiten Jahr ist noch ein Unterschied von 6 Prozentpunkten auf die Reform zurückzuführen. Für männliche Abiturienten ist hingegen kein Unterschied feststellbar. Allerdings zeigt sich bei ihnen eine durch G8 um 15 Prozent reduzierte Wahrscheinlichkeit, Mathematik oder Naturwissenschaften zu studieren.

In einer weiteren Studie wurden die Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung untersucht. Hier zeigen sich keine Unterschiede zwischen den beiden Jahrgängen, die auf die Reform zurückgeführt werden können.

Die Pressemitteilung als PDF

Weiterführende Informationen und ausführliche Ergebnisse

Thomsen, Stephan, Tobias Meyer und Hendrik Thiel (2012): Effekte des Turbo-Abiturs: Leistungen in Mathematik schlechter, weniger Einschreibungen in den Naturwissenschaften, niw-info spezial 2/2012

Büttner, Bettina und Stephan L. Thomsen (2010): Are We Spending Too Many Years in School? Causal Evidence of the Impact of Shortening Secondary School Duration, ZEW Discussion Paper No. 10‐011

Büttner, Bettina, Hendrik Thiel und Stephan L. Thomsen (2011): Variation of Learning Intensity in Late Adolescence and the Impact on Noncognitive Skills, ZEW Discussion Paper No. 11‐007

Meyer, Tobias und Stephan L. Thomsen (2012): How Important is Secondary School Duration for Post-school Education Decisions? Evidence from a Natural Experiment, Diskussionspapier Nr. 509, Leibniz Universität Hannover

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