Statement: "Willkommenskultur" - Ein Wettbewerbsfaktor

17.12.2013

Der demografische Wandel und seine Folgen, die Sicherung der Sozialversicherungssysteme sowie der Fachkräftemangel sind nur drei Stichworte, denen gerne mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit einer verstärkten Zuwanderung nach Deutschland begegnet wird. Dieser Bedarf wird zukünftig noch steigen. Obgleich Deutschland als Wirtschaftsstandort mit dem hohen Beschäftigungsstand und der beachtlichen Produktivität der deutschen Wirtschaft dabei unbestritten attraktiv für viele Menschen aus dem Ausland ist, wird die Konkurrenz zwischen den Ländern, die auf Einwanderung hoffen, zukünftig zunehmen. Eine schrumpfende Bevölkerung ist nämlich kein deutsches Phänomen, sondern trifft zunehmend alle entwickelten und die sich entwickelnden Volkswirtschaften.

Neben der Attraktivität als Wirtschaftsstandort ist daher auch die Attraktivität der Gesellschaft entscheidend, um Einwanderung zu ermöglichen. Hierfür hat sich in den vergangenen Jahren der Begriff der "Willkommenskultur" herausgebildet. Neben der Teilhabe am Gesellschafts- und Arbeitsleben beschreibt sie die Offenheit und die Toleranz in der Bevölkerung im Umgang mit der neuen Vielfalt.

In einer gerade veröffentlichten Studie haben Andreas Knabe, Steffen Rätzel und ich die Sensibilität von Personen mit Migrationshintergrund im Hinblick auf die Willkommenskultur in Deutschland empirisch untersucht ("Right-Wing Extremism and the Well-Being of Immigrants", Kyklos, 66(4), S. 567–590, November 2013). Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass Personen mit Migrationshintergrund eine deutlich niedrigere Lebenszufriedenheit haben, wenn sie in Regionen leben, in denen die einheimische Bevölkerung stärker fremdenfeindlich eingestellt ist. Dieser negative Effekt wirkt besonders stark auf hochqualifizierte Migranten. In der Folge sinkt die Bereitschaft der Migranten, weiterhin in Deutschland zu bleiben. Dies verdeutlicht, dass nicht die wirtschaftliche Sicherheit allein entscheidend für eine gelungene Zuwanderungs- und Teilhabepolitik ist.

Deutschland wird mehr gut ausgebildete Migranten brauchen, um mit den Folgen des demografischen Wandels umgehen zu können. Eine ausgeprägte Willkommenskultur wird daher zu einem immer wichtigeren Wettbewerbsfaktor. Wie andere Faktoren auch, unterscheidet sie sich regional innerhalb Deutschlands. Die Landesregierung in Niedersachsen hat die Bedeutung erkannt und spricht sich explizit für eine neue Willkommens- und Anerkennungskultur aus (siehe hierzu u. a. die Pressemitteilung des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration vom 25. November 2013). Dass dies kein Lippenbekenntnis ist, zeigt auch die finanzielle Unterlegung der Anstrengungen mit insgesamt rund 80 Millionen Euro in den kommenden Jahren.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, dürfen sich Investitionen nicht auf die technologische Leistungsfähigkeit und Innovationskraft beschränken. Die Investitionen in die Willkommenskultur und die gesellschaftliche Teilhabe sind daher ein Förderprogramm zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der niedersächsischen und der deutschen Wirtschaft.

Stephan Thomsen

(niw info 2/2013, S. 8)

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