Neue Diskussionspapier: Bundesweite Ergebnisse zu den Auswirkungen der Schulzeitverkürzung (G8-Reform)

26.11.2015

Die meisten Bundesländer haben im vergangenen Jahrzehnt die Länge der Gymnasialschulzeit um ein Jahr verkürzt, so dass das Abitur mittlerweile nach 12 statt 13 Schuljahren erreicht wird. Allerdings wurde die Anzahl der Unterrichtsstunden nicht reduziert, so dass die Schülerinnen und Schüler den gleichen Lernstoff nun in kürzerer Zeit absolvieren müssen. Das Ziel der Reform war, dasselbe Bildungsniveau in kürzerer Zeit zu erreichen, so dass die Abiturienten ihre nachschulische Bildung und ihren Berufseinstieg ein Jahr früher beginnen können.

Zur Frage, ob und inwieweit dieses Ziel tatsächlich erreicht wird, gibt es bislang nur wenig empirische Evidenz. Daher haben die NIW-Mitarbeiter Tobias Meyer und Stephan Thomsen in Kooperation mit Heidrun Schneider vom DZHW Hannover in einem aktuellen Diskussionspapier die Auswirkungen der Reform in mehreren Bundesländern untersucht. Im Fokus standen dabei die nachschulischen Bildungsentscheidungen der Abiturientinnen und Abiturienten, für deren Analyse Daten des DZHW-Studienberechtigtenpanels der Abiturjahrgänge 2006 bis 2012 verwendet wurden. Da die Reform nicht gleichzeitig, sondern sukzessive in den einzelnen Bundesländern eingeführt wurde, konnten die Bildungsentscheidungen der Abiturientinnen und Abiturienten aus Bundesländern mit mittlerweile 12-jährigem Abitur mit solchen aus Bundesländern, in denen zum jeweiligen Zeitpunkt das Abitur noch nach 13 Jahren abgelegt wurde, verglichen werden (Differenzen-von-Differenzen-Ansatz). Insgesamt wurden mehrere Analysen mit unterschiedlichen Jahren und Bundesländern durchgeführt, um zu überprüfen, ob sich die Reformwirkungen in den einzelnen Bundesländern unterscheiden oder ähnlich sind.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit direkt im Anschluss an das Abitur ein Studium aufzunehmen, infolge der Schulzeitverkürzung um rund 15 Prozent zurückgegangen ist. Dieser Effekt ist in allen untersuchten Bundesländern zu finden, und zwar nicht nur für die erste von der Reform betroffene Kohorte, sondern auch für nachfolgende Jahrgänge. Interessanterweise zeigt sich jedoch ein Unterschied zwischen den untersuchten westdeutschen und ostdeutschen Bundesländern hinsichtlich der Ursache für die reduzierte bzw. verzögerte Studienaufnahme. Während westdeutsche Abiturientinnen häufiger ein Freiwilliges Jahr absolvieren oder ein Jahr im Ausland verbringen (und im Anschluss daran ein Hochschulstudium beginnen), nehmen die Abiturientinnen in Ostdeutschland signifikant häufiger eine Berufsausbildung anstelle eines Studiums auf. Dadurch ist die Studierneigung im zweiten Jahr nach dem Abitur in Westdeutschland nicht mehr geringer als vor der Reform, während sie in Ostdeutschland auch über das erste Jahr hinaus reduziert bleibt. Des Weiteren ist die Studierneigung im zweiten Jahr nach dem Schulabschluss aber auch in Westdeutschland bei Abiturientinnen und Abiturienten aus nicht-akademischem Elternhaus sowie bei männlichen Abiturienten verringert.

Mögliche Erklärungen für die Ergebnisse könnten sein, dass die Abiturientinnen und Abiturienten nach der kürzeren und lernintensiveren Schulzeit von 12 Jahren sich schlechter auf ein Studium vorbereitet fühlen, sich unklarer bzw. unsicherer über ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg sind, und/oder vor der Aufnahme einer nachschulischen Bildung erst einmal andere Erfahrungen sammeln wollen. Zumindest in Bezug auf die ersten beiden Gründe sollte daher in der Bildungspolitik darauf hingearbeitet werden, die verkürzte Schulzeit so zu organisieren, dass die Abiturientinnen und Abiturienten genauso gut auf ein Hochschulstudium vor-bereitet und dazu motiviert sind wie nach 13 Schuljahren, und dass genügend Angebote zur beruflichen Orientierung genutzt werden.

Meyer, Tobias, Stephan L. Thomsen und Heidrun Schneider (2015): New Evidence on the Effects of the Shortened School Duration in the German States: An Evaluation of Post-Secondary Education Decisions, IZA Discussion Paper No. 9507

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