Bildung und Qualifizierung in Niedersachsen

Forschungsberichte des NIW, 34

Gehrke Birgit und Ulrich Schasse

Hannover, September 2006

gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds

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Das NIW hat erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme der Bildungs- und Qualifikationsstrukturen in Niedersachsen vorgelegt. Die von den Volkswirten des Instituts zusammengestellten und analysierten Fakten belegen die Notwendigkeit, künftig erheblich mehr für die Ausbildung und Weiterqualifizierung in Niedersachsen zu tun: Die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Landes wird hiervon ganz maßgeblich mitbestimmt!

 

  1. In Niedersachsen werden auf breiter Front relativ weniger hochqualifizierte Arbeitskräfte mit akademischem Abschluss eingesetzt. Gerade hier aber entstehen die neuen Jobs, die so dringend benötigt werden.
  2. Niedersachsens Arbeitsplätze sind in besonderem Maße auf mittlere Qualifikationen ausgerichtet: Es gibt seit vielen Jahren überdurchschnittlich viele Realschulabsolventen und auch der Anteil der Beschäftigten mit einer klassischen Berufsausbildung im dualen System ist weit höher als im übrigen Bundesgebiet.
  3. Es gibt immer weniger Arbeitsplätze für Geringqualifizierte. So ist etwa der Anteil un- und angelernter Arbeiter/innen in der gewerblichen Wirtschaft seit 2000 von 27% auf 22% gesunken. Einfache Angestelltenarbeitsplätze sind und bleiben Mangelware, und wenn, dann bieten sie meist nur geringe Verdienstmöglichkeiten.

 

Die Autoren belegen, dass die demographische Herausforderung auch in Niedersachsen schon sehr präsent ist, denn die Anteile älterer und mittlerer Jahrgänge an den Erwerbstätigen sind im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen. Dem zunehmenden Ersatzbedarf, speziell bei (hoch)qualifizierten Kräften, stehen schon heute absehbare Verknappungen beim qualifizierten Nachwuchs gegenüber, die sich weiter verschärfen werden: Fachkräftemangel droht.

 

Um dem entgegenzuwirken, müssen die Bildungspotenziale nachwachsender Jahrgänge besser ausgenutzt und deren Bildungsniveau nachhaltig erhöht werden. Derzeit zeigen sich erhebliche Defizite:

 

  • Fast 10 % der Jugendlichen verlassen die Schule ohne qualifizierten Abschluss. Junge Männer, speziell solche mit Migrationshintergrund, sind davon besonders betroffen.
  • Junge Frauen erreichen schon seit längerem höhere Schulabschlüsse als junge Männer, was sich jedoch nicht in den beruflichen Abschlüssen sowie im betrieblichen Einsatz widerspiegelt. Hier bleiben Bildungspotenziale ungenutzt.

Der Übergang von der Schule ins Berufsleben ist für viele junge Niedersachsen mit erheblichen Friktionen verbunden: Seit 2002 beginnen jedes Jahr weniger junge Menschen eine betriebliche Berufsausbildung als in das sogenannte Übergangssystem (BGJ, BVJ, Berufsfachschulen ohne vollqualifizierenden Abschluss etc.) wechseln.

 

Der Anteil junger Menschen mit Hoch- oder Fachhochschulreife fällt in Niedersachsen (31%) gemessen an internationalen Maßstäben noch stärker zurück als im deutschen Durchschnitt (35%). Die Studierneigung sinkt! So ist die Zahl der Studienanfänger/innen von 2003 bis 2005 um über 18% zurückgegangen - trotz wachsender Zahl von Studienberechtigten.

 

Neben der Erstausbildung wird kontinuierliche berufliche Weiterbildung angesichts der raschen Veränderungen im Wissen und der Verlängerung der Lebensarbeitszeiten immer wichtiger (?Lebenslanges Lernen"). Tatsächlich lässt aber die Weiterbildungsbeteiligung und damit die ?Investitionsbereitschaft in Humankapital" in Niedersachsen zu wünschen übrig - sowohl auf Seiten kleiner und mittlerer Unternehmen als auch auf Seiten der Beschäftigten. Deutschland gehört bei der beruflichen Weiterbildung generell zu den Schlusslichtern. Gerade geringqualifizierte und ältere Beschäftigte sind hier besonders wenig in Weiterbildung eingebunden. Die Heraufsetzung des Rentenalters macht aber nur dann Sinn, wenn sicher gestellt werden kann, dass ältere Menschen auch länger erfolgreich am Erwerbsleben teilnehmen können.

 

Steigender Bildungs- und Qualifikationsbedarf erfordert von allen Beteiligten zusätzliche Investitionen. Er bedeutet aber auch weitere Reformen. Das NIW hat hierzu eine ganze Reihe von Handlungsfeldern aufgezeigt; sie betreffen alle Ebenen des Bildungs- und Qualifizierungssystems. Dabei können Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen kurzfristig am ehesten einen Beitrag zur Senkung der hohen Arbeitslosigkeit gerade von geringer Qualifizierten leisten. Grundlegende Reformen in der Erstausbildung wirken hingegen erst in langer Frist und müssen deshalb umso dringender angegangen werden.

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