Regionale Beschäftigungschancen gering Qualifizierter - Eine Frage der Weiterbildung?

Dokumentation des NIW-Workshops 2008/2009

Cordes Alexander und Javier Revilla Diez (Hrsg.)

Hannover, Februar 2009

Download: PDF


Die zunehmende Wissensorientierung der Wirtschaft stellt Arbeitnehmer und Arbeitgeber vor neue Herausforderungen. Der technologische Fortschritt, die internationale Arbeitsteilung sowie die seit den 90er Jahren stagnierende Bildungsexpansion erfordern eine hohe Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten, aber auch der Unternehmensorganisation. Dieser beschleunigte Strukturwandel selektiert stark zwischen Arbeitnehmern, die diesen Aufgaben gewachsen sind, und solchen, deren Humankapital nicht weiter ausbaufähig ist. Die Weiterbildung von gering Qualifizierten wird häufig als Maßnahme zur Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit angesehen.Aus regionaler Perspektive kann die Entstehung einer persistenten Arbeitslosigkeit im Zuge des Strukturwandels auf zwei Wegen vermieden werden:

  • Zum einen können die Arbeitnehmer durch Wanderung auf die Lage am regionalen Arbeitsmarkt reagieren.
  • Zum anderen bietet die vielerorts zu beobachtende Spezialisierung der regionalen Wirtschaft Möglichkeiten zur kooperativen Entwicklung von geeigneten Qualifizierungskonzepten.

Der Workshop, den das Niedersächsische Institut für Wirtschaftsforschung (NIW) am 3. November 2008 in Hannover veranstaltet hat, widmete sich genau diesen Problemstellungen und Handlungsfeldern. Das Konzept sah vor, zunächst die Bedeutung von Standortbedingungen und Migrations-neigung für Beschäftigungsperspektiven und Qualifizierungsanstrengungen herauszuarbeiten. Im zweiten Teil ging es um regionale Ansätze zur Steigerung der Weiterbildungsbeteiligung gering Qualifizierter in peripheren Regionen sowie um Möglichkeiten und Grenzen branchenorientierter Qualifizierungsnetzwerke. Unter welchen regionalen und betrieblichen Bedingungen überhaupt Beschäftigungsmöglichkeiten für gering Qualifizierte bestehen, ist Gegenstand des Beitrags von Alexander Cordes (NIW). Ausgangspunkt ist die räumliche Arbeitsteilung in Westdeutschland, die sich an der relativen regionalen Spezialisierung auf die Funktionen Forschung und Entwicklung bzw. Management auf der einen Seite und Fertigung auf der anderen festmachen lässt. Es wird untersucht, inwiefern aus dieser Spezialisierung Impulse auf Beschäftigung und Weiterbildung gering Qualifizierter ausgehen. Der Beitrag von Melanie Arntz (ZEW, Mannheim) macht deutlich, dass für Geringverdiener die regionalen Arbeitsmarktbedingungen kaum Auswirkungen auf die individuelle Migrationsneigung haben. Eine detaillierte Untersuchung der Wirkungen der Verkürzung des Arbeitslosengeld-Anspruches im Jahr 1997 zeigt zudem, dass eine hohe Lohnersatzquote die Abwanderungsneigung zusätzlich niedrig hält. Jens Südekum (Universität Duisburg-Essen) diskutiert theoretisch die (unbeabsichtigten) Effekte regionalpolitisch motivierter Qualifizierungsmaßnahmen. Da hoch Qualifizierte zur Abwanderung aus dem ländlichen Raum neigen, ist die Förderung von Qualifizierungsmaßnahmen dort eher für die weniger gut ausgebildeten Arbeitnehmer zu empfehlen. Die regionale Bildungspolitik kann daher Gefahr laufen, die regionalen Unterschiede letztlich zu verschärfen, wenn sich den qualifizierten Arbeitnehmern in anderen Regionen attraktivere Arbeitsplätze bieten. Den zweiten Teil des Workshops eröffnete Oliver Brandt (NIW) mit einem qualitativen Vergleich zweier niedersächsischer Landkreise (Goslar und Vechta). Der verfolgte Fallstudienansatz beinhaltet die Durchführung von Betriebsbefragungen, Expertengesprächen und regionalen Workshops. Es zeigte sich, dass für gering Qualifizierte das ?Lernen am Arbeitsplatz" sowie der Austausch mit besser qualifizierten Kollegen die betriebliche Beschäftigungsfähigkeit erhöhen können. Allerdings sind diese Arbeitsbedingungen in Betrieben an ländlichen und insbesondere produktionsorientierten Standorten seltener gegeben. Aus den Fallstudien lässt sich zudem schließen, dass diesem Problem durch eine Ansprache der Betriebe auf regionaler Ebene erfolgreich begegnet werden kann, indem Beratungsleistungen angeboten und Kooperationen zwischen Betrieben bzw. mit Bildungsträgern angeregt werden. Der Beitrag von Christoph Scheuplein (Universität Münster) beschreibt die regionalen Branchen- und Qualifizierungsnetzwerke in Brandenburg. Die Breite der Aktivitäten und Adressaten geförderter oder auf Eigeninitiative der Wirtschaft entstandener Netzwerke verdeutlicht, wie vielfältig den betrieblichen Qualifizierungsbedarfen begegnet werden kann. Auch wenn der Erfolg nicht objektiv nachweisbar ist, stellen Netzwerke eine von vielen Möglichkeiten dar, gemeinsame Strategien im regionalen Kontext zu entwickeln.

Zurück